Auf Gott hören als Motto für die Fastenzeit

Die Fastenzeit als Schule des Hörens
„Wenn ihr heute seine Stimme hört, verhärtet nicht euer Herz.“ (Psalm 95), dieser Satz ist kein frommer Wandspruch. Er ist ein Weckruf. Ein Wort, das uns mitten im Alltag unterbricht. Nicht: Wenn ihr irgendwann einmal … Nicht: Wenn ihr Zeit habt … Sondern: Heute.
Und genau das geschieht in der Fastenzeit im Stundengebet: Dieser Vers kehrt immer wieder zurück. Er unterbricht den Tag. Er stellt sich uns in den Weg. Wie eine Stimme, die sagt: Halt. Hör hin. Gott spricht auch jetzt – mitten in deinem Tag.
Und genau hier trifft dieser Psalm auf das Hungertuch, das heute vor uns hängt. Groß. Weiß. Fast leer. Und in der Mitte ein Kreuz und stilisiert ein Ohr und zwei Worte: hör gott. Nicht „Herrgott“. Nicht fromm, nicht vertraut, nicht glatt. Sondern sperrig. Ungewohnt. Fast provokativ. Hör Gott. Das ist kein Titel. Das ist eine Aufforderung. Ein Ruf. Vielleicht sogar eine Zumutung. Denn vielleicht ist unser größtes Problem nicht, dass Gott zu wenig spricht – sondern dass wir zu wenig hören.
Gott spricht – aber wer hört?
Wir leben in einer Welt voller Stimmen: Nachrichten, Meinungen, Push-Nachrichten, Dauerbeschallung, Dauerbewertung, Dauerempörung. Wir sind so beschäftigt mit Reden, Reagieren, Rechthaben, dass kaum Raum bleibt für Stille. Und dann sagen wir: „Gott schweigt.“ „Ich höre nichts.“ „Gott ist weit weg.“ Aber was, wenn Gott längst spricht – und wir einfach verlernt haben zu hören?
Das Hungertuch stellt diese Frage ohne Umwege: Hör Gott. Nicht: Mach mehr. Nicht: Streng dich an. Sondern: Hör.
Hör-Gott – Dieses Wort kann man doppelt lesen: Hör Gott! – öffne dein Herz. – werde still. – lass dich unterbrechen. Aber auch: Hör-Gott. Ein Gott, der hört.
Die Bibel erzählt immer wieder davon: Ein Gott, der den Schrei seines Volkes hört. Ein Gott, der das Elend sieht. Ein Gott, der sich bewegen lässt. Gott ist kein ferner Herrscher. Er ist ein Gott mit offenen Ohren.
Vielleicht ist die Fastenzeit deshalb eine Zeit des Hörens – nicht nur, damit wir Gott hören, sondern damit wir neu glauben, dass er uns hört.
Der Prophet Joel ruft: „Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider.“ Es reicht nicht, Asche auf dem Kopf zu tragen. Gott will kein Schauspiel. Er will ein hörendes Herz. Paulus sagt: „Jetzt ist die Zeit der Gnade.“ Nicht irgendwann. Jetzt. Und Jesus warnt: Hütet euch vor religiöser Show. Beten, Fasten, Almosen – ja. Aber nicht, um gesehen zu werden. Sondern, um vor Gott still zu werden.
Fasten ohne Hören ist nur Verzicht. Gebet ohne Hören ist nur Selbstgespräch. Kirche ohne Hören wird taub für die Welt.
Die Fastenzeit ist keine Leistungsschau. Sie ist eine Hörschule. Eine Zeit, in der wir neu lernen: auf unser Inneres zu hören, auf die Not der Welt, auf das, was Gott uns im Alltag sagt. Nicht nur in der Bibel. Nicht nur im Gottesdienst. Sondern auch in den Begegnungen, in dem, was uns trifft, freut, ärgert, erschüttert. Gott spricht durch die Ereignisse unseres Lebens. Aber wir überhören ihn leicht.
Darum gibt es in dieser Fastenzeit auch ganz konkrete Hör-Räume. Alle zwei Wochen, dienstags um 21.00 Uhr, laden wir zum Nachgebet ein. Ein Gebet, das hilft, auf den eigenen Tag zu schauen: Wo hat mich heute etwas berührt? Wo war Trost? Wo Unruhe? Wo vielleicht ein leiser Ruf Gottes? Und wir üben das Jesusgebet – ein stilles, rhythmisches Gebet, das uns aus dem Lärm in die Tiefe führt. Nicht, um perfekt zu beten. Sondern, um wieder hören zu lernen.
Die Aktionen rund um das Hungertuch sind keine frommen Extras. Sie sind Einladungen, sich unterbrechen zu lassen.
Was würde sich ändern, wenn wir wirklich hörten? Vielleicht entdecken wir, wo wir verhärtet sind. Wo wir gleichgültig wurden. Wo Gott längst anklopft.
Der Psalm sagt: Heute. Nicht irgendwann. Nicht später. Wenn ihr heute seine Stimme hört, verhärtet nicht euer Herz. Oder, mit einem einzigen Wort: HÖR GOTT. Amen.

aus der Predigt vom Aschermittwoch von: Pfarrer Thomas Winderl

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